Georg Thieme Verlag KG
Komplementärmedizin

HeilpflanzenporträtRadikalfänger vor der Haustür: Der Odermennig

Odermennig, Agrimonia
Conrad/stock.adobe.com

Odermennig: Wenn er blüht, kann man ihn leicht für eine kleingewachsene Königskerze halten.

von Ursula Stumpf


Mithridates Eupator (132–63 v. Chr.) war König von Pontus in der heutigen Türkei. Er gilt als Entdecker der leberheilenden Wirkung des Odermennigs. Seit seiner Kindheit hatte er große Angst davor, vergiftet zu werden und experimentierte eifrig mit Giften und Gegengiften. Dazu gehörte, dass er täglich das Blut vergifteter Enten trank, um sich selbst gegen Giftmord zu wappnen. Dabei erhielt seine Leber Unterstützung durch den Odermennig, dessen Beiname eupatoria den König unsterblich machte


Inhalt

Geschichte des Odermennigs

Botanischer Steckbrief

Inhaltsstoffe und Wirkung

Indikationen und Anwendungen in der rationalen Phytotherapie

Indikationen und Anwendungen in der Erfahrungsheilkunde

Wirkung auf die Psyche

Fertigarzneimittel, Homöopathie und Spagyrik

Rezepturen
 


Geschichte des Odermennigs

Lange vor Mithridates Eupator kannten die alten Ägypter den Odermennig. Etwa 1550 v. Chr. schrieben altägyptische Priester ihr Kräuterwissen auf eine Papyrusrolle nieder. Später wurde diese 25 m lange Rolle Papyrus Ebers genannt. Sie ist eine der ältesten erhaltenen medizinischen Aufzeichnungen überhaupt. Darin wird der Odermennig als Augenheilmittel erwähnt. Diese Anwendung ist im Laufe der Zeit verloren gegangen.

Später weihten die alten Griechen den Odermennig der Pallas Athene, Göttin der Weisheit und der Wissenschaften. Sie war eine Tochter des Götterkönigs Zeus. Er hatte sie selbst zur Welt gebracht, sie war seinem Kopf entsprungen. Vielleicht legten die Griechen deswegen die zerquetschten Wurzeln des Odermennigs bei Gedächtnisschwund auf den Kopf (und schätzten auch seine Wirkung zur Heilung alter Narben und Geschwüre).

Womöglich nahm Hildegard von Bingen auf die Anwendung bei den alten Griechen Bezug, als sie eine Kopfwaschung und Umschläge mit Odermennig bei Geistesschwäche empfahl. Die Arztbotaniker des Mittelalters schätzten – analog zu König Mithridates Entdeckung – die Wirkung der „Leberklette“ auf Leber und Galle. „Als fürnembst Kraut der Alten - zu allen verstopfften Lebern“ empfiehlt es Hieronymus Bock in seinem Kreütterbuch aus dem Jahre 1539.


Nomenklatur: Feldbewohner für die Leber

Der Gattungsname Agrimonia bedeutet schlicht Feldbewohner (griechisch: agros = Feld, mone = Wohnort). Der Name Odermennig ist möglicherweise die eingedeutschte Form von Agrimonia. Aus den Namen Leberklee, Leberklette oder Leberkraut ist die Verwendung als Lebermittel herauszuhören.


Botanischer Steckbrief

Der Odermennig gehört zu den Rosengewächsen. Er wächst aus einem sehr ausdauernden, tiefen Wurzelstock auf trockenen Wiesen sowie an Wald- und Wegrändern. Aus einer bodenständigen Blattrosette wächst ein hoher, dünner, behaarter und fester Stängel, der zwischen 50 und 80 cm hoch wird. Die Blätter stehen direkt am Stängel, sind rau behaart und unpaarig gefiedert mit großen Nebenblättern. Die Blattunterseite ist dicht graufilzig, die Oberseite dunkelgrün und seidig behaart. Wenn der Odermennig blüht, kann man ihn leicht für eine kleingewachsene Königskerze halten: Die zahlreichen goldgelben, 5–8 mm breiten Blüten stehen in langen Ähren am Stängelende. Mit ihren 5 Blütenblättern sind sie wie bei einer Ähre am Stiel angeordnet und öffnen sich von Juni bis September von unten nach oben. So bilden sich im unteren Ährenbereich schon Früchte, während die Blüten oben am Stängel noch leuchtend gelb aufblühen. Die Früchte sind unterwärts kegelförmig und gefurcht und oben mit vielen Häkchen versehen. Diese sorgen für die Verbreitung und heften sich an das Fell vorbeistreifender Tiere oder an Hosen und Strümpfe von Spaziergängern.

Verwendet werden die zur Blütezeit gesammelten, getrockneten Sprossspitzen bestehend aus Stängeln, Blättern, Blüten und Früchten (Agrimoniae herba, Odermennigkraut).


Inhaltsstoffe und Wirkung

Odermennigkraut enthält

  • 4–10 % Gerbstoffe, hauptsächlich Catechingerbstoffe: Sie gehören zu den Polyphenolen, wirken adstringierend, stopfend, austrocknend, entzündungshemmend, antiviral, antibakteriell und sind effektive Radikalfänger.
  • 1,2 % Flavonoide, zum Beispiel Luteolin und Apigenin: Beide wirken entzündungshemmend und antioxidativ; es gibt auch Hinweise, dass sie die Haut vor schädlichen UV-Strahlen schützen.
  • Triterpene (1,5 % im frischen Kraut, davon 0,6 % Ursolsäure): wirken entzündungshemmend.
  • Phenolcarbonsäuren (unter anderem Ferulasäure): wirken choleretisch und antioxidativ.
  • Kieselsäure: stärkt Haut und Schleimhaut.

Mit der Komposition dieser Inhaltsstoffe wird der Odermennig heute in erster Linie zur Pflege der Darmschleimhaut eingesetzt (siehe Abschnitt „Indikationen und Anwendungen in der rationalen Phytotherapie“), sowohl bei akuten als auch bei chronischen Durchfallerkrankungen. Er wirkt mild adstringierend, obstipierend und entzündungshemmend. Der Tee stoppt Durchfall, beruhigt und entspannt den Darm. Auch bei anderen Magen-Darm-Störungen (Gastroenteritiden) bringt er Erleichterung. Ebenso pflegt er alle Schleimhäute im Körperinneren, zum Beispiel bei Entzündungen in Mund, Hals und Rachen, und eignet sich bei Problemen mit dem Zahnfleisch oder bei Aphthen auch zum Gurgeln (CAVE: Zahnarztvorbehalt bei der Behandlung). Und noch eine Wirkung wird seit alters her geschätzt und hat dem Odermennig sogar den Namen Sängerkraut eingebracht: Er löst den Schleim auf den Stimmbändern und pflegt die Stimme. Für diese Wirkung könnten die Gerbstoffe verantwortlich sein. Sie wirken nicht schleimlösend im herkömmlichen Sinne, aber sie können den Schleim zusammenziehen, sodass dieser effektiver abgeräuspert werden kann.

Odermennig stärkt auch die Milz und die Bauchspeicheldrüse. Tierversuche bestätigten eine insulinartige Wirkung [1]. Dabei stärkt Odermennig nicht nur die Funktion der Bauchspeicheldrüse, er bremst auch im Dünndarm den Abbau der Kohlenhydrate. So sorgt er dafür, dass nach einer Mahlzeit die Glukose langsamer ins Blut gelangt und der Blutzuckerspiegel weniger schnell ansteigt. Zusätzlich hilft seine Eigenschaft als Radikalfänger, den oxidativen Stress der Zuckerkrankheit zu mildern.

Wässrige und alkoholische Extrakte entfalten antibakterielle (gegen Shigella dysenteriae, Staphylococcus aureus) und antivirale Eigenschaften. Hierfür sind die Gerbstoffe verantwortlich.

Aktuelle Laboruntersuchungen bestätigen nicht nur die antimikrobiellen und antioxidativen Wirkungen von Odermennigextrakten [2]. Sie belegen außerdem die Herabsetzung der Empfindlichkeit gegenüber Schmerzen (antinozizeptive Wirkung). Mit seinen Gerbstoffen betäubt der Odermennig leicht die Oberfläche von Haut und Schleimhaut, macht sie unempfindlicher und wirkt Entzündungen entgegen. Außerdem zeigten diese Untersuchungen: Odermennigkraut kann Bakterien daran hindern, einen Biofilm zu bilden und sich darunter der Einwirkung von Antibiotika zu entziehen. Odermennigextrakte können auch einen schon bestehenden Biofilm wieder auflösen. Ohne diesen Biofilm können die Antibiotika ihre Wirkung wieder entfalten


Eigenschaften als Radikalfänger

Odermennig gilt als effektives Antioxidans und als Radikalfänger, der nicht nur Umweltschadstoffe entgiftet, sondern auch oxidativen Vorgängen im Körper entgegenwirkt. Letztere sind beteiligt an der Alterung der Zellen, an Gewebeschäden oder an Nervenschädigungen. Sie treten auch als Begleiterscheinungen von Entzündungen auf. Hier setzt der Odermennig mit seinen Polyphenolen an, fängt die reaktiven Radikale ab und macht sie unschädlich. Laboruntersuchungen haben gezeigt, dass die Pflanze bei regelmäßigem Teegenuss auch Gehirn und Nerven vor Alterungserscheinungen schützen kann. Seine Gerbstoffe (unter anderem das Agrimoniin) erwiesen sich in Laborversuchen als ähnlich antikanzerogen wie die Wirkstoffe des Grüntees. Beide aktivieren Interleukin I – und damit die Abwehrkaskade des Körpers. Als Radikalfänger ist Odermennig genauso effektiv wie Grüntee, und hat dabei den Vorteil, dass er vor unserer Haustüre wächst. Wir können ihn als heimische Pflanze selbst ernten, ohne dass er von weit her importiert und transportiert werden müsste.


Indikationen und Anwendungen in der rationalen Phytotherapie

Seit 2015 gibt es eine HMPC-Monographie, die den Odermennig als traditionelle Heilpflanze einstuft. Demnach kann Odermennigkraut innerlich zur symptomatischen Behandlung leichter Durchfälle, äußerlich als Mundspülung oder Gurgellösung bei leichten Entzündungen im Mund- und Rachenraum sowie zur Behandlung leichter Hautentzündungen und kleiner, oberflächlicher Wunden eingesetzt werden. ESCOP und die Kommission E führen die gleichen Indikationen an.

Umschläge oder Kompressen bei schlecht heilenden Wunden, leichten Verletzungen, Juckreiz und auch Hämorrhoiden (als Auflage): 3 x tgl. ein Infus von getrocknetem Odermennigkraut in Form eines Umschlags auf die betroffenen Hautstellen legen. Für ein Vollbad: 100 g getrocknetes Odermennigkraut mit 2 l kochendem Wasser übergießen, 20 min zugedeckt ziehen lassen und ins Badewasser absieben.

Zur Behandlung leichter Durchfälle kommen Tee und Tinktur zur Anwendung.


Indikationen und Anwendungen in der Erfahrungsheilkunde

Dieser Inhalt unterliegt den Bestimmungen gemäß Heilmittelwerbegesetz (HWG) und darf nur berechtigten Personen zugänglich gemacht werden. Bitte loggen Sie sich ein, um diesen Inhalt zu sehen.

Wirkung auf die Psyche

Dieser Inhalt unterliegt den Bestimmungen gemäß Heilmittelwerbegesetz (HWG) und darf nur berechtigten Personen zugänglich gemacht werden. Bitte loggen Sie sich ein, um diesen Inhalt zu sehen.

Fertigarzneimittel, Homöopathie und Spagyrik

Dieser Inhalt unterliegt den Bestimmungen gemäß Heilmittelwerbegesetz (HWG) und darf nur berechtigten Personen zugänglich gemacht werden. Bitte loggen Sie sich ein, um diesen Inhalt zu sehen.

Rezepturen

Tee und Tinktur aus Odermennig

Dieser Inhalt unterliegt den Bestimmungen gemäß Heilmittelwerbegesetz (HWG) und darf nur berechtigten Personen zugänglich gemacht werden. Bitte loggen Sie sich ein, um diesen Inhalt zu sehen.


Dieser Artikel ist erschienen in der DHZ 6/2020.

Sie interessieren sich für ein Abo? Dann bitte hier entlang.

 

Literatur

[1] Kuczmannová A et al Agrimonia eupatoria L. and Cynara cardunculus L. Water Infusions: Comparison of Anti-Diabetic Activities. Molecules 2016, 21(5), 564

[2] Lee KH, Rhee KH. Anti-Nociceptive Effect of Agrimonia Eupatoria Extract On A Cisplatin-Induced Neuropathic Model. Afr J Tradit Complement Altern Med. 2016 Aug 12;13(5):139–144)

[3] Pahlow M. Das große Buch der Heilpflanzen. München: GU; 1993

[4] Wood M. Die Weisheit der Pflanzen. Aarau CH: AT-Verlag; 2012

Dr. rer. nat. Ursula Stumpf ist Heilpraktikerin, Kinesiologin (DGAK), Apothekerin, Begründerin der Heilpflanzenplattform Kräuterweisheiten und der Phyto-Kinesiologie. Sie war 15 Jahre als Heilpflanzenexpertin im SWR- und ARD-Fernsehen tätig, ist Leiterin der Karlsruher UnKrautKonferenz und Autorin mehrerer Heilpflanzenbücher.

www.kraeuterweisheiten.de